Wenn das Geld für Hundefutter und Tierarztbesuche fehlt

Die Preise in den Geschäften steigen. Auch Tierbesitzer müssen tiefer in die Tasche greifen, um ihre Vierbeiner zu versorgen. Für viele wird es eng. Das bekommt auch ein Verein in Magdeburg zu spüren.
Beim Magdeburger Tieranker e.V. erhält jeder Tierhalter für seinen Hund oder seine Katze eine bestimmte Menge Trocken- und Nassfutter. © Paul Damm/-/dpa

Vor der Tür zum Magdeburger Tieranker e.V. warten bereits die ersten Haustierbesitzer. Viele haben Taschen und Rollwagen dabei. Diese sollen nun wieder gefüllt werden mit Nass- und Trockenfutter - und bestimmt werden dabei auch ein paar Leckerlis für die Vierbeiner abfallen.

An der Reihe ist nun Ines Reichel. Auf die Magdeburgerin wartet zu Hause ein einjähriger Jack-Russell-Rüde. Für ihren Emil holt sie die Futterration für die nächsten drei Wochen.

Gebührenordnung für Tierärzte wird aktualisiert

Reichel ist auf den gemeinnützigen Verein Tieranker angewiesen. «Ich bekomme Erwerbsunfähigkeitsrente, weil ich krankheitsbedingt nicht mehr arbeiten kann», berichtet sie. Das Geld sei knapp, doch auf ihren Emil möchte sie nicht verzichten. Das Tier schenke ihr viel Zuneigung und Geborgenheit. «Da würde ich lieber auf die Straße gehen und betteln, bevor ich mich von meinem Hund trennen müsste.»

An manchen Tagen steht das Telefon von Christina Böker nicht still. Tierbesitzer rufen an, bitten meist kleinlaut um Hilfe. «Wenn ich die Verzweiflung in ihren Stimmen höre, kann ich nicht anders, als ihnen zu helfen», sagt Böker, die den Verein Tieranker leitet. Immer mehr bedürftige Menschen aus der Landeshauptstadt und Umgebung wenden sich an den Tieranker - aus ernstem Grund: Ihnen fehle Geld für Futter und Untersuchungen beim Tierarzt, um ihren Vierbeiner zu versorgen.

Angesichts der Inflation steigen zunehmend auch die Preise für Tierfutter. Damit nicht genug. Wahrscheinlich ab Oktober müssen Tierhalter oftmals auch bei Behandlungen in Tierarztpraxen tiefer in die Tasche greifen. Die Gebührenordnung für Tierärzte soll erstmals seit 1999 umfänglich aktualisiert werden. «Es ist nicht per se eine Erhöhung der Gebühren, sondern eine Veränderung. Natürlich wird die reine Untersuchung etwas teurer, aber es gibt auch Behandlungen wie Röntgen, die für Tierbesitzer günstiger werden», berichtet Anne-Kathrin Witzlack, Vorstandsvorsitzende des Landesverbandes praktizierender Tierärzte in Sachsen-Anhalt.

Haustiere oft letzter emotionaler Halt

Bei Haustierbesitzern, die jeden Euro zweimal umdrehen müssen, machen sich die zum Teil deutlich gestiegenen Preise für Tierarztuntersuchungen im Portemonnaie bemerkbar. Doch was tun, wenn das Geld fürs geliebte Tier fehlt? Abgeben kommt für die meisten nicht infrage. Denn für Menschen in finanziellen Notlagen sind ihre Haustiere oft der letzte emotionale Halt - der Anker sozusagen.

Für solche Lebenssituationen gibt es den Tieranker. Seit mehr als zehn Jahren unterstützt der Verein in Not geratene Menschen mit Haustieren - in letzter Zeit kamen immer mehr Herrchen und Frauchen mit psychischen Erkrankungen hinzu, wie Böker berichtet. Das seien vermehrt Menschen, die in der Corona-Pandemie berufsunfähig geworden seien und sich seitdem in psychologischer Behandlung befinden.

Aller drei Wochen öffnet das Team um Christina Böker am Freitagnachmittag in der Ackerstraße ihre Ausgabestelle. Um die 80 Tierhalter zählt der Verein. Wie die Vereinschefin sagt, kommen zu jedem Ausgabetermin zwei bis drei neue Gesichter hinzu. «Wir gehen davon aus, dass wir in diesem Herbst noch einige Tiere mehr versorgen müssen.» Auch wenn das den Verein vor Herausforderungen stellt, will Böker nicht die Zuversicht verlieren.

Mehr Haustiere in Tierheimen abgegeben

Was die derzeitige Situation für den Tieranker nicht leichter macht, sind die Futterspenden. Zwar reiche das Futter in ihrem Lager für etwa drei Ausgaben. Wenn aber dann nur wenig neue Ware kommt, wird es eng. Hinzu kommt laut Böker, dass die Spendenbereitschaft zuletzt zurückgegangen ist. Große Firmen würden teilweise nicht mehr - so wie früher - mit Spendenschecks aushelfen.

Ab und zu erhalten auch die Tafeln in Sachsen-Anhalt Futterspenden. Das sei nach Angaben des Vorsitzenden des Tafel-Landesverbandes, Andreas Steppuhn, aber eher die Ausnahme: «Es ist natürlich nicht das Kerngeschäft der Tafeln», sagt er. Dennoch werde Futter, das gespendet wird, auch an Bedürftige mit Haustieren ausgegeben.

In den Tierheimen in Sachsen-Anhalt - die sich ohnehin schon am Limit bewegen - landen dieser Tage immer wieder neue Tiere. Aus welchen Gründen sie abgegeben werden, ist meist unklar. Rudolf Giersch, Vorsitzender des sachsen-anhaltischen Landesverbands des Tierschutzbundes, berichtet: «Ob es an gestiegenen Futter- oder Unterhaltungskosten liegt, kann ich nicht sagen. Viele Leute sind beim Abgeben der Tiere nicht ehrlich.» Und er ergänzt: «Wer sein Tier wirklich liebt, der gibt es nicht ab, wenn das Geld knapp wird.»

Auch die Tierärztin Anne-Kathrin Witzlack macht deutlich, dass sich von Armut betroffene Menschen gut überlegen müssen, ob sie sich ein Haustier leisten können. «Die Anschaffung ist meist nicht das Problem. Es wird dann erst problematisch bei Tierarztbesuchen und möglichen Beschwerden des Tieres.» Nicht zu vernachlässigen seien die Prophylaxe-Untersuchungen und die Schutzimpfungen. Daher der Rat der Expertin: immer Geld für ungeplante Eingriffe zur Seite legen.

© dpa
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