Wenn für Exoten die Energiekosten zu hoch werden

Wegen steigender Energiekosten geben viele Menschen ihre exotischen Haustiere in Tierheimen und Auffangstationen ab. Diese sind aber bereits überfüllt, die Betreiber wissen selber nicht, wie sie die Stromkosten im Winter stemmen sollen.
Markus Baur, Fachtierarzt für Reptilien und Stationsleitung, spürt in der Reptilienauffangstation den steigendenden Zulauf. Hohe Energiekosten zwingen viele Reptilienbesitzer, die Tierhaltung aufzugeben. © Felix Hörhager/dpa

Aus einer Ecke seines Terrariums beobachtet ein Netzpython aufmerksam das Geschehen in der Reptilien-Auffangstation in München. Immer wieder schnellt die schwarze Zunge aus dem Mund der drei Meter langen Würgeschlange hervor.

Vor einigen Wochen sei das Tier in einer Kiste vor einem Tierheim einfach abgestellt worden, erklärt der Tierarzt und Leiter der Station, Markus Baur. «Der Netzpython ist in der Regel eher unfreundlich, das sind impulsive Schlangen», sagt er. Die Leiterin des Tierheims, die die Kiste vor der Tür fand, habe Glück gehabt - «der hätte sie töten können».

Warme Temperaturen verursachen hohe Kosten

Aussetzungen exotischer Tiere wie diese kommen in letzter Zeit häufiger vor. Als Grund vermutet Baur, der seit über 30 Jahren in der Reptilien-Auffangstation mitwirkt, die steigenden Energiekosten. «Der Netzpython ist tropisch, er kommt aus Südostasien, er braucht ein dauerhaftes zumindest Regenwald-ähnliches Klima», sagt der 55-Jährige. Unter 25 Grad dürfe die Temperatur daher nicht fallen - sonst werde die Schlange krank. Solche Heizkosten müsse man sich aber erst einmal leisten können.

«Wenn der Strompreis auf 50 Cent pro Kilowattstunde steigt, wird bei der Haltung einer Bartagame allein die UV-Beleuchtung mit jährlich rund 230 Euro zu Buche schlagen», rechnet Patrick Boncourt, Reptilienexperte beim Deutschen Tierschutzbund, vor. Mit zusätzlichen Kosten für Futter, Tierarztbesuche und den Betrieb von Tagesleuchten und anderem elektronischen Gerät fielen bei einer Echse schnell Kosten zwischen 500 und 800 Euro im Jahr an.

Da Tierheime sich oft nicht um die Exoten kümmern könnten, würden viele von ihnen in Auffangstationen landen, sagt Baur. Auch die Station in München kämpfe bereits mit Platzproblemen: «Wir sind rappelvoll.» Jeden Tag gingen dort etwa ein Dutzend Mails und Anrufe ein von Reptilienhaltern, die ihre Tiere abgeben möchten.

Energiekosten im Winter kaum zu stemmen

Im Internet würden normalerweise teuer gehandelte Reptilienarten derzeit zu extrem niedrigen Preisen zum Verkauf angeboten, sagt Baur. Erst kürzlich seien in der Auffangstation außerdem zwei ausgesetzte Leopardgeckos angekommen, von denen einer aufgrund seiner gelb-gezüchteten Farbe Hunderte Euro wert sei.

Doch auch die mit Schildkröten, Echsen und Schlangen gefüllten Terrarien in der Auffangstation müssen beheizt und beleuchtet werden. Dass sie die hohen Energiekosten diesen Winter noch stemmen können, hält Baur für unwahrscheinlich. «Wir können nicht mehr schlafen, weil wir nicht wissen, wie wir das finanzieren sollen», sagt er.

Nach Ansicht von ProWildlife-Vertreterin Katharina Lameter wird durch die Energiekrise ein Problem verstärkt, dass schon länger existiert - dass viele exotische Tiere nicht ihren Bedürfnissen entsprechend gehalten würden. Nun sei man in einem Dilemma, denn zuhause könnten viele Menschen die Standards für eine artgerechte Tierhaltung nicht einhalten, in den überfüllten Tierheimen und Auffangstationen abgeben, könnten sie die Tiere aber auch nicht.

Energiesparlampen für viele Tiere ein Todesurteil

ProWildlife sehe das Versäumnis aufseiten der Politik. Die Tierschutzorganisation fordere bereits seit einiger Zeit eine sogenannte Positivliste für Deutschland. «Eine Positivliste würde vorgeben, welche Tierarten sich als Haustiere eignen und weiter gehandelt und gehalten werden dürfen», sagt Lameter. Außerdem sollten Tierhalter vor der Anschaffung ihrer Tiere nötige Fachkenntnisse nachweisen müssen.

Auch Markus Baur sieht das Wohl der Exoten in den kommenden Wintermonaten gefährdet. «Das wird ein ganz großes Tierschutzproblem», sagt er. Manch ein Tierbesitzer könne im Winter auf die Idee kommen, dem exotischen Haustier eine Energiesparlampe hinzuhängen, und diese dazu nur wenige Stunden brennen zu lassen. «Daran werden die Tiere zugrunde gehen».

© dpa
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