Arche-Dorf gibt gefährdeten Haustierrassen ein Zuhause

23.03.2022 Dem Roten Höhenvieh sei Dank. Weil es vom Aussterben bedroht war, haben Bewohner des 80-Seelen-Fleckens Kleinwendern in Oberfranken ein außergewöhnliches Gemeinschaftsprojekt gestartet.

Haben Sie schon mal vom Roten Höhenvieh gehört? Oder vom Deutschen Reichshuhn? Sind Ihnen beide kein Begriff? Zugegeben, bei genauen Rassebezeichnungen müssen vermutlich die meisten Menschen passen.

Was das Rote Höhenvieh - eine Rinderrasse - und das Deutsche Reichshuhn gemeinsam haben: Sie sind gefährdete Nutztierrassen. Die Bestände unterschreiten also eine bestimmte Mindestanzahl an Tieren beziehungsweise an Zuchten.

In einem Dorf im Fichtelgebirge kann man sie sehen, das Rote Höhenvieh und das Deutsche Reichshuhn. Außerdem leben hier unter anderem Sundheimer Hühner, Hermelinkaninchen, Coburger Fuchsschafe oder Thüringer Waldziegen.

Gehalten werden die Tiere nicht nur in landwirtschaftlichen Betrieben, sondern vor allem auch in privaten Gärten - von Menschen, die sich die Zucht gefährdeter Haustierrassen zum leidenschaftlichen Hobby gemacht haben. Und zum Aushängeschild ihres Ortes.

Das zweite Arche-Dorf Deutschlands

Seit 2019 ist Kleinwendern als sogenanntes Arche-Dorf zertifiziert. Es ist das erste seiner Art in Bayern und nach dem niedersächsischen Steinlah das zweite in ganz Deutschland.

Vergeben wird das Zertifikat von der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH). Voraussetzung ist demnach, dass sich mindestens vier tierhaltende Betriebe in einer Dorfgemeinschaft zusammenschließen. Und zwar mit dem Ziel, die Tierrassenvielfalt zu demonstrieren und die Öffentlichkeit mit der Situation von alten, gefährdeten Nutztierrassen vertraut zu machen.

Kein Streichelzoo, sondern Nutztierhaltung

In Kleinwendern machen das Menschen wie Ulrike und Heinz Wunderlich. In ihrem Vorgarten hoppeln prächtige Rheinische Schecken herum. Diese Kaninchen können schon mal bis zu viereinhalb Kilo auf die Waage bringen. Die Rasse ist auf der Roten Liste der GEH zu finden - sie steht demnach «unter Beobachtung». Das heißt: Sie gilt noch nicht als gefährdet, doch das Risiko dazu besteht.

«Wir sind aber kein Streichelzoo und auch kein Gnadenhof», stellt Ulrike Wunderlich klar. «Es handelt sich um Nutztiere, die auch geschlachtet werden.» Vom Haus der Wunderlichs aus geht's zum Rundgang durchs Dorf - und zu Jörg Bertholdt.

Er ist Betriebswirt und vor einigen Jahren aus dem Landkreis Heilbronn nach Kleinwendern gezogen. Der Arche-Gedanke kommt ihm sehr zupass. «Ich war früher schon im Igelschutz aktiv», sagt er.

Außer zwei Hühnerrassen, den Sundheimern und den Deutschen Reichshühnern, nennt der Hobbyzüchter auch eine kleine Herde Coburger Füchse sein Eigen - eine widerstandsfähige Landschaf-Rasse, die Mitte des 20. Jahrhunderts vom Aussterben bedroht war.

Rotes Höhenvieh ist am liebsten draußen

Weiter zu Rudi Küspert: Ungefähr 40 Rote Höhenvieh stehen in seinem Stall. Eigentlich sind sie dort eher selten anzutreffen. «Sie fühlen sich Sommer wie Winter draußen am wohlsten, dienen somit der Landschaftspflege und beugen der Verwaldung vor.»

Küspert setzt auf Mutterkuhhaltung ohne jegliches Kraftfutter und ist überzeugt: Das langsame Wachstum der Tiere trage zu einer besonderen Fleischqualität bei. Um Abnehmer müsse er sich keine Sorgen machen, sagt der Landwirt. Die Nachfrage sei groß. Viele Abnehmer des Fleisches kämen aus dem Dorf.

Jedes einzelne Tier begleitet Rudi Küspert zum Metzger seines Vertrauens ins wenige Kilometer entfernte Wunsiedel. Dort leitet Martin Krasser seinen Biometzgereibetrieb in fünfter Generation. Er sagt: «Reich wird im Arche-Dorf keiner.»

Es gehe in erster Linie um die Wertschätzung von Natur, Tieren und Landschaft, sagt Krasser. «Und um die Erkenntnis, dass gute und regionale Produkte auch gut für uns selber sind.»

Alles begann mit der gefährdeten Rinderrasse

Initiator des Arche-Dorfs Kleinwendern ist Roland Ledermüller, hauptberuflicher Ranger im Naturpark Fichtelgebirge. Er weiß viel zu erzählen über das Rote Höhenvieh, das als ursprüngliche Rinderrasse des deutschen Mittelgebirges bis auf die Kelten zurückgeht.

Sehr brav sei es, verfüge über eine gute Zugleistung und erbringe einen ordentlichen Milchertrag, sagt er. Unter reinen Leistungsgedanken betrachtet sei es aber nicht konkurrenzfähig und deshalb zu Nazi-Zeiten sogar für die Zucht verboten gewesen.

«Ende der 1990er gab es in Bayern gerade noch einen Restbestand von 26 Tieren», sagt Ledermüller. «Das hat mich auf die Idee gebracht, mich auch für andere Rassen, die vom Aussterben bedroht sind, zu engagieren», erzählt der Ranger. 2012 wurde hier eine Weide eingerichtet und eine kleine Rotkuh-Herde angesiedelt.

Zu den Dorfbewohnern, die sich von Ledermüllers Initiative motivieren ließen, zählt Anita Berek. Sie ist nicht nur Bürgermeisterin der Gemeinde Bad Alexandersbad, zu der Kleinwendern gehört, sondern auch Halterin von mehreren Thüringer Landziegen.

«Bock Alois sowie seine Mädels Liese, Linde, Leonie, Lotte und Lea sind aus unserer Familie nicht mehr wegzudenken», sagt sie lachend.

Der Bestand der Arche

Wie groß die Arche in Kleinwendern ist, lässt sich auf der Website des Dorfes nachzählen: Mitte März waren es sieben Tierhalter, elf Rassen und rund 215 Tiere.

Platz gibt es in Kleinwendern genug. Gerade Sonntagnachmittags kann es aber schon mal enger werden: Wenn viele Familien mit Kindern kommen, um sich die Tiere genauer anzuschauen.

© dpa

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