Elsässer bringen Schwung in früheres Kaiser-Fort

Schützengräben, Kanonen und unterirdische Kasernen: Die «Feste Kaiser Wilhelm II.» glänzte früher als militärische Musteranlage. Im Elsass wünscht man sich heute mehr Besucher aus Deutschland.

Die Soldaten haben die unterirdischen Kasernen schon lange verlassen. Doch an den weiß getünchten Wänden sind die Anweisungen von damals noch zu lesen. «Verunreinigungen jeder Art sind verboten!», «Hier sind die entleerten Eßnäpfe zu spülen» - so oder ähnlich lauten die Vorschriften.

In den riesigen «Feste Kaiser Wilhelm II.» im Elsass waren zu Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 bis zu 7000 Soldaten zusammengepfercht. Knapp 50 Mann teilten sich ein Waschbecken. Die Schlafräume mit Klappbetten auf drei Ebenen und Wandhaken für die Ausrüstung sind immer noch zu sehen. Die spartanischen Unterkünfte lassen eher an ein Set für einen Kriegsfilm denken als an ein Museum.

Das Elsass war bis zur Versöhnung von Frankreich und Deutschland lange ein Zankapfel. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs liegt die einstige Prestige-Festung des deutschen Kaiserreichs in Ostfrankreich.

Verein restaurierze einen Teil der Anlage

Der Verein «Fort de Mutzig» - so heißt die Militäranlage im Französischen - sorgt schon seit Langem dafür, dass Touristen und Schulklassen zumindest ein Zehntel der zusammen rund 2,5 Quadratkilometer großen Feste besichtigen können.

Mitglieder restaurierten in Kleinarbeit Maschinenräume, Lüftungsanlagen, Küchen und auch die Backstube mit dem großen Metallofen eines Hamburger Herstellers. Düstere und feuchte Tunnel verbinden die einzelnen Bauten der gut 20 Kilometer südwestlich von Straßburg gelegenen Festung.

«Wir arbeiten immer noch behelfsmäßig», schränkt Vereinsvorsitzender Bernard Bour ein. Beim Ausbau des Besucherparkplatzes halfen ein örtlicher Sponsor und die französische Armee. Sie besitzt das gesamte Gelände, in der Nähe sind Streitkräfte stationiert. «Es war überhaupt nicht einfach, das Militär zu überzeugen, die Festung für Besucher zu öffnen», resümiert Bour.

Kaiser-Festung am Rande der Vogesen soll an Bedeutung gewinnen

Es gibt nun Hoffnung, aus den provisorischen Zuständen herauszukommen. Der örtliche Gemeindeverband Molsheim-Mutzig will bis zum Jahresende den für den Besucher geöffneten Teil der Festung von der Armee kaufen. Nach den Worten von Verbands-Generaldirektor Dominique Bernhart soll die Anlage bei Wasser und Strom eigenständig werden. Auf längere Sicht ist ein neues Empfangsgebäude für Besucher geplant.

Die Kaiser-Festung auf einem Hügel am Rande der Vogesen soll überregional bedeutender werden - Interessierte aus Deutschland sind nach der Corona-Pandemie allerdings eher rar. Vor Corona und den damit verbundenen Beschränkungen kam knapp ein Drittel der jährlich rund 25.000 Besucher aus dem großen Nachbarland, wie Vereinschef Bour berichtet.

In der Tat sind auf dem Parkplatz an einem Wochentag vor allem Autos mit französischem Nummernschild zu sehen. Der häufig «Grande Guerre» («Große Krieg») genannte Erste Weltkrieg ist in Frankreich immer doch deutlich präsent - der 11. November, Tag des Waffenstillstands 1918, ist ein Feiertag.

Der drahtig wirkende Ex-Reserveoffizier Bour, der sich sein ganzes Leben mit der Festung beschäftigt hat, wird nicht müde, deren historische Bedeutung zu unterstreichen. Und das gehe eben auch die Deutschen an. «Vor dem Ersten Weltkrieg gab es keine größere Festungsanlage als hier in Mutzig», erzählt der 75-Jährige im Gespräch.

Größte Einzelanlage des deutschen Kaiserreichs

Diese Einschätzung wird vom deutschen Experten Werner Schmachtenberg geteilt. Es handele sich bei der von 1893 an gebauten Festung im Elsass um die größte Einzelanlage des deutschen Kaiserreichs. «Das war supermodern», so lautet das Fazit des Militärhistorikers aus dem hessischen Griesheim mit Blick auf technische Neuerungen wie die Stromversorgung. Wilhelm II., der letzte deutsche Kaiser, habe sich damals persönlich für den Bau von Festungen eingesetzt und diesen auch kontrolliert.

Eine Schlacht gab es im Ersten Weltkrieg in Mutzig nicht - vielleicht ist es auch deshalb nicht ganz einfach, für den Ort zu werben. Bour ist jedoch davon überzeugt, dass er zum Nachdenken anregt. «Dieses Fort war technisch führend und funktionierte beispielhaft. Doch der Krieg ging für Deutschland verloren», bilanziert er.

Namenspatron Wilhelm II. (1859-1941) musste bei Kriegsende 1918 auf den Thron verzichten. Bei dem Konflikt starben weltweit rund neun Millionen Soldaten und mehr als sechs Millionen Zivilisten.

Das Elsass ist so etwas wie eine Symbolregion der deutsch-französischen Freundschaft. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron eröffneten 2017 am Hartmannsweilerkopf südlich von Colmar das erste gemeinsame deutsch-französische Museum zum Ersten Weltkrieg.

«Ich wünsche mir, dass Macron und Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) gemeinsam nach Mutzig kommen» - so lautet die ganz unbescheidene Bitte von Vereinschef Bour in Richtung der Machtzentralen in Paris und Berlin.

© dpa
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