Wo Hemingway sein Fischwasser fand

01.08.2022 Vor 100 Jahren war Ernest Hemingway im Schwarzwald, um Forellen zu fischen. Er ließ zwar kaum ein gutes Haar am Mittelgebirge - die gewonnenen Impressionen flossen dennoch in seine Bücher ein.

Auf der Felsen-Tour rund um Oberprechtal präsentiert der Schwarzwald viel heile Welt. Kühe grasen auf Wiesen voller Wildblumen. Ziegen turnen über höllisch steile Hänge. Mannshohe Ginsterbüsche säumen den Weg, Bäche glucksen.

Oben beim Huberfelsen - ein stattlicher Granitfelsen, der wie ein Monolith über den Schwarzwaldhöhen thront - schweift der Blick über das Meer aus Hügeln und Bergen, bleibt an einsamen Gehöften und malerischen Dörfern hängen, trifft auf dunkle Tannen und üppig grüne Wiesen. Womöglich hat auch Ernest Hemingway diesen Anblick genossen, damals im Jahr 1922, als der Amerikaner zum Forellenfischen in den «Black Forest» kam.

Statt Paris in den Schwarzwald: Ernest Hemingway beim Wandern

Mit seiner Ehefrau Hadley und Freunden flüchtet der damals 23-Jährige im August aus der stickigen Sommerhitze in Paris nach Triberg, dem Herz des mittleren Schwarzwaldes, das im Baedeker-Reiseführer als «weltbekannter Höhenluftkurort» beworben wird.

Schon die stundenlange Zugfahrt ab Freiburg ernüchtert den scharfzüngigen Jungjournalisten, der im Austeilen nicht zimperlich ist, weder mit Worten noch mit Fäusten.

Der Black Forest, lässt er die Leser des «Toronto Star» im fernen Kanada wissen, sei gar kein Wald, sondern bloß «eine Menge bewaldeter Hügel und hochkultivierter Täler» mit viel zu vielen Wanderern, die nach Sauerkraut stinkend durch die Gegend streifen.

Die frische Landluft war Inspiration für Hemingway

Mit den Menschen in Kinzig- und Elztal wird der Geschichtenerzähler aus Illinois nicht richtig warm, wohl aber mit der lieblichen Natur, der frischen Landluft und den kristallklaren Gebirgsbächen voll fetter Forellen.

Einen Angelschein hat der Jungspund zwar nicht, doch er umgeht die bürokratischen Vorschriften auf seine Weise. Mal besänftig er die aufgebrachten, mit Mistgabeln bewaffneten Bauern mit einigen Dollarscheinen, mal steht die Ehefrau Schmiere, wenn er seine Angel auswirft und vier prächtige Forellen aus der Elz herausholt, jede ein dreiviertel Pfund schwer.

Man kann sich das Aufeinandertreffen dieser beiden Welten lebhaft vorstellen: Hier die urlaubsselige, oft auch weintrunkene Gesellschaft aus Paris, die Geld wie Heu hat, weil man im August des Jahres 1922 für einen einzigen Dollar 850 Mark bekommt; dort die recht einsilbigen, gelegentlich auch ruppigen Schwarzwälder, die mit dem Ausgang des Krieges hadern und den großspurigen Fremden mit Ressentiments begegnen.

Hemingway wenig begeistert von Gasthäusern

An den Gasthöfen, die vornehmlich «Rössle», «Adler» und «Sonne» heißen, arbeitet sich der gutsituierte Amerikaner besonders wortreich ab. Von außen sähen sie ordentlich und sauber aus, aber «innen sind sie schmutzig und heruntergekommen, eins wie das andere», fasst der Schriftsteller seine Schwarzwald- Impressionen zusammen, die Jahre später im Buch «49 Depeschen» Eingang finden.

In Triberg erinnert eine Plakette nahe am Wasserfall an den Besuch des Literaten, an seinen Weg hinunter nach Oberprechtal, vorbei an großen Schwarzwaldhäusern und an seinem Fischwasser. Den Besuch des höchsten Wasserfall Deutschlands, wo die wild-schäumende Gutach über sieben Kaskaden 160 Meter tief ins Tal stürzt, hat der Amerikaner aus Paris nicht erwähnt, wohl aber das noble Parkhotel Wehrle, wo er sich seine Forellen zubereiten ließ.

Im Zimmer 208 soll er genächtigt haben, zwischen lackiertem Holz und mit schönem Blick zum rauschenden Wasser. Doch das Vier-Sterne-Haus, einst das Flaggschiff der Triberger Gastronomie, hat seit Januar 2021 die Pforten geschlossen: nicht etwa wegen Corona, sondern wegen Differenzen über die Zukunft des schmucken Baus in unmittelbarer Nähe des Rathauses.

Zwischen ruhigen Waldhängen und Bundesstraße gelegen

Das 5.000 Einwohnerstädtchen, das eingezwängt zwischen steilen bewaldeten Hängen liegt und die B500 ertragen muss, tut sich schwer. Lange kamen bis zu 500.000 Besucher im Jahr zu den Wasserfällen. Doch von solchen Zahlen ist man meilenweit entfernt.

Im Landgasthof «Zur Lilie» liegt die Menükarte in japanischer Sprache ungenutzt herum. Auf dem Busparkplatz oberhalb des liebevoll konzipierten Schwarzwaldmuseums gibt es jede Menge Platz. Die Schwarwaldidylle zieht vor allem reiselustige Senioren an, die sich nach einem Abstecher zum Wasserfall mit Kaffee und Kirschtorte stärken.

Versuche, ein jüngeres Publikum nach Triberg zu locken, gibt es. Die vielen, ausgesprochen schönen Wanderwege sind gut frequentiert, die Modellbauanlage «Triberg-Land» ein Heidenspaß für Groß und Klein und der ziemlich peppig aufgemachte Ausstellungsraum «Triberg-Fantasy» der richtige Ort, um knallige Fotos für Instagram zu schießen. Doch Rückschläge bleiben nicht aus. Der Hochseilgarten, der ein bisschen Adrenalin unters Volk bringen sollte, wurde nach der Pandemie nicht mehr geöffnet.

Oberprechtal: wie einst im Jahr 1922

In Oberprechtal, wo Hemingway seine Angel auswarf, sieht es fast noch so aus wie damals im August des Jahres 1922. Hühner stolzieren umher, Ziegen machen sich über das Grün her. Die Elz plätschert wie seit Urzeiten dem Rhein entgegen, die Ufer von überhängenden Bäumen bewacht, die Flusskiesel glatt geschliffen von der Strömung.

Die «Sonne», wo sich Hemingway um einen Angelschein bemühte, hat zwar geschlossen, doch der Landgasthof Rössle existiert noch. Als Trampeltier und Kamelgesicht hatte er einst die Wirtsleute verunglimpft, die Zimmer als verdreckt beschrieben. Nur das gute Essen fand Gnade in den Augen des jungen Schriftstellers.

Die heutigen Besitzer haben dem nassforschen Reporter seine Schimpfkanonade offenbar verziehen. Man ist sogar ein wenig stolz auf den Umstand, dass Hemingway im «Rössle» abgestiegen ist. Eine kleine Ecke im Speisesaal, wo sich Wanderer, Radfahrer und Biker für ihre Touren stärken, ist dem leidenschaftlichen Fliegenfischer gewidmet.

Die Erinnerungen an die Reise in einem Buch verarbeitet

Hemingway kehrte nie wieder in den Schwarzwald zurück, weder mit Hadley, noch mit einer seiner drei späteren Ehefrauen. Stattdessen verarbeitete er seine Erinnerungen an Triberg, an den Black Forest und dessen Menschen im Buch «Schnee auf dem Kilimandscharo».

Vielleicht wäre er mal besser wiedergekommen und hätte sich bei einem guten Glas Wein und alkoholgeschwängerter Kirschtorte mit den Wirtsleuten des «Rössle» ausgesöhnt. Er hätte womöglich erkannt, dass die Schwarzwälder auch anders können.

© dpa

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