Londons neuer Stolz: Elizabeth Line eröffnet

24.05.2022 Mit fast 100 km/h unter der City durchrauschen, Stationen «wie Kathedralen», bessere Anbindung für Hunderttausende: London verspricht sich viel von seiner neuen U-Bahn-Linie. Doch die Elizabeth Line lenkt auch von Missständen im öffentlichen Verkehr ab.

Mit der neuen Strecke der Londoner U-Bahn erhält die britische Hauptstadt ihre lang ersehnte Ost-West-Achse. © Kirsty O'connor/PA Wire/dpa

Die berühmte Londoner U-Bahn hat eine neue Königin. Mit der neuen Strecke Elizabeth Line der «tube», wie die Untergrundbahn in London heißt, erhält die britische Hauptstadt ihre lang ersehnte Ost-West-Achse - pünktlich zum 70. Thronjubiläum der Namensgeberin Queen Elizabeth II.

Nun geht es los, erstmals können Passagiere den zentralen Abschnitt direkt unter der City nutzen. Royale Ehren hat die Linie, die im Frühjahr 2023 komplett befahrbar sein soll, bereits erhalten. In strahlendes Gelb gekleidet, hat Ihre Majestät persönlich die Elizabeth Line für eröffnet erklärt. Wie ein Phönix mit ungeheurer Energie habe die Queen gewirkt, schwärmt Projektchef Mark Wild.

Bauzeit und Kosten rekordverdächtig

Es ist ein Bau der Superlative, mit 10 neuen Stationen und 42 Tunneln. Auf dem U-Bahn-Plan glänzt die Verbindung in royalem Purpur. Aber auch Bauzeit und Kosten sind rekordverdächtig. Die Eröffnung zum Thronjubiläum ist eher Zufall. Eigentlich sollte die Verbindung Ende 2018 loslegen, doch schließlich dauerte es 13 Jahre, dreieinhalb mehr als geplant. Es sei ein digital komplexes Projekt gewesen, erläutert Wild. Die Kosten schossen auch wegen der Verzögerung von 14,8 Milliarden auf 19 Milliarden Pfund (etwa 22,5 Mrd Euro).

Die Verantwortlichen sind sicher, dass sich die Investition lohnt. Mit der Elizabeth Line rückten 1,5 Millionen Menschen in einen 45-Minuten-Radius an die City, betont Wild.

Fahrzeiten zwischen Knotenpunkten halbieren sich

Die neuen und ultralangen Züge schießen mit fast 100 Kilometern pro Stunde durch die Röhren, Fahrzeiten zwischen wichtigen Knotenpunkten wie dem Bahnhof Paddington und dem Finanzzentrum Canary Wharf halbieren sich. Die Verantwortlichen jubeln über einen «Game Changer», also eine bahnbrechende Änderung.

Wenn die Verbindung einmal durchgehend geöffnet ist, wird sie sich über 113 Kilometer strecken - von Reading in der Grafschaft Berkshire im Westen, mit Seitenarm zum Großflughafen Heathrow, bis Shenfield in Essex im Osten. Auch die Umsteigezeit etwa zwischen den Airports Stansted und Heathrow soll dann deutlich kürzer sein.

Doch allein mit Funktionalität ist es nicht getan. Mit der Elizabeth Line will London sein in die Jahre gekommenes U-Bahn-Netz in die Weltspitze katapultieren. Projektchef Wild hört gar nicht auf zu schwärmen, er spricht von «kathedralenähnlichen Stationen», «akustisch und klimatisch perfekt». Der Neubau sei der «Stolz des Vereinigten Königreichs», biete «das Beste von britischer Ingenieurkunst» und einfach die «Errungenschaft des Jahrhunderts».

Marode Londoner U-Bahn

Aber nicht nur die Lobeshymnen setzen Konstrukteure und Tube-Verantwortliche unter Druck, dass nichts schief gehen darf. Die moderne Tube mit geräumigen Haltestellen und modernem Interieur wirft vor allem ein Schlaglicht darauf, wie marode die Londoner U-Bahn eigentlich ist. Spötter sagen, dass sich seit der Eröffnung der ersten Verbindung 1863 wenig getan habe.

Kritiker bemängeln enge und stickige Waggons, regelmäßig muss der Verkehr wegen Signalfehlern oder Überflutung eingestellt werden. Dabei ist die Tube mit bis zu fünf Millionen Passagieren pro Tag der Herzschlag der Stadt. Wenn es nicht weitergeht, steht London still.

Geld für Renovierungen ist nicht vorhanden, die Pandemie hat ein gewaltiges Loch gerissen. Immer wieder streitet sich Bürgermeister Sadiq Khan mit der Zentralregierung über die Finanzierung. Als mögliche Einnahmequelle gelten höhere Mautgebühren für Autofahrer in der City und eine größere Umweltzone. Auch beim Busnetz könnte gespart werden. Weil sie sich mit der Elizabeth Line doppeln, plant Khan, mehrere Buslinien aus der Stadt in die Vororte zu verlegen.

© dpa

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