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Denkwürdiger Diktator-Tourismus: Das Stalin-Museum in Gori

Zahlreich strömen Touristen zum Geburtsort eines der schlimmsten Massenmörder der Geschichte - vor allem aus Russland. Warum ein Ausstellungshaus in Georgien am Stalin-Gedenken festhält.
Führung im Stalin-Museum
Stalin-Museum in Gori
Totenmaske von Stalin
Stalin-Museum in Gori
Abgerissenes Stalin-Denkmal
Figur von Stalin
«Stalin-Wein»
Stalin-Skulptur
Geburtshaus von Josef Stalin
Ketewan Achobadse
Stalin-Denkmal

Die Suche nach dem abgerissenen Monument von Josef Stalin in seiner Geburtsstadt Gori in Georgien ist kein leichtes Unterfangen. Wohin wurde das sechs Meter hohe Denkmal verfrachtet? Eine Antwort mögen auch die Mitarbeiter des monumentalen Stalin-Museums nicht geben.

Die zu Lebzeiten des weltberühmten Sohnes der Stadt aufgestellte und 2010 abgerissene Statue ist gut versteckt. Die Stadt will sie ungern zeigen.

Derweil präsentiert Ketewan Achobadse, Vorsitzende der Stiftung für das Stalin-Museum, eine kleine Stalin-Skulptur auf dem weitläufigen Gelände, wo auch das Geburtshaus des Diktators (1879-1953) und ein grüner Zugwaggon stehen. «Wenn es eine Erlaubnis gäbe, würden wir das abgerissene Denkmal als Exponat im Museumskontext gern aufstellen», sagt Achobadse.

Doch auch ohne das Stalin-Denkmal, das Jahrzehnte lang Wahrzeichen der Stadt war, kommen jährlich Zehntausende Menschen in das Museum, das rund anderthalb Autostunden von der georgischen Hauptstadt Tiflis (Tbilissi) entfernt liegt. Unter den Besuchern sind Deutsche, Franzosen und andere Westeuropäer, Iraner und Chinesen. An erster Stelle aber stehen die russischen Touristen.

Gleich hinter dem kleinen Geburtshaus Stalins unter einem steinernen Pavillon - geschützt vor Wind und Wetter - tut sich ein monumentaler Palast im Stil der «Stalin-Gotik» mit großen Arkaden auf. Das Bauwerk des sowjetischen Klassizismus an der Straße mit dem Namen «Prospekt Stalina» entstand in den 1950ern. Es beherbergt ein Museum mit persönlichen Gegenständen, Möbeln, vielen Bildern und Devotionalien - und einer Kopie der Sterbemaske des Sowjetdiktators.

Neuer Kult um Iossif Dschugaschwili

«Wir werden immer wieder gefragt hier, ob wir hier im Museum Stalin lieben. Das ist aber Unsinn, weil es darum geht, die Geschichte zu bewahren. Meine Familie und viele andere haben unvorstellbares Leid durch Stalins Politik erfahren. Auch darauf weisen wir hin», sagt Achobadse. Das erhaltene Geburtshaus zählt zu den wichtigsten Objekten hier überhaupt.

Iossif Dschugaschwili, wie Stalin eigentlich hieß, kam am 21. Dezember 1879 in dem bungalowähnlichen Gebäude am zentralen Platz des Ortes in armen Verhältnissen zur Welt. Nur vier Jahre lebte er hier, wie Touristen auf den gut besuchten Führungen erfahren. Sie hören auch, dass er sich mit 33 Jahren in Stalin umbenannte - abgeleitet von dem Wort Stahl. Der Name war Programm.

Stiftungsleiterin Achobadse sieht mit Sorge, dass beim Nachbarn Russland heute fast wieder ein Stalin-Kult auflebt. In Russland gilt Stalin nach Peter dem Großen und Katharina der Großen heute laut Umfragen als drittwichtigster Politiker der Geschichte.

An die Verbrechen des sowjetischen Diktators, der Millionen Menschen töten ließ, will Russland lieber nicht erinnern. Hervorgehoben wird dort vor allem, dass Stalin das erste kommunistische Reich und größte Land der Erde industrialisierte und die Rote Armee im Zweiten Weltkrieg zum Sieg über Nazideutschland führte. Darum geht es auch im Museum.

Abrechnung mit dem Massenmörder bleibt aus

In Georgien trauert kaum einer der berühmtesten historischen Persönlichkeit des Landes nach. Das Land, das in die Europäische Union strebt, präsentiert sich vielmehr weltoffen mit seiner uralten Weinkultur, mit kaukasischer Küche, Thermalbädern in Tiflis, quirligen Badeorten an der Schwarzmeerküste und auch spektakulären Bergregionen.

Doch in der Kleinstadt Gori geht es vor allem um die Geschichte. «Wir gehen etwa der Frage nach, warum Stalin so brutal geworden ist», sagt Achobadse. Aus ihrer Sicht hat sein Leben in Armut dazu beigetragen, ihn zu einem harten Herrscher zu machen.

Auch 70 Jahre nach Stalins Tod ist das Interesse an dem Georgier riesig. Nirgends sonst auf der Welt widmet sich ein Museum dieser Größe dem Diktator. «Wir haben einen Fundus von 43.000 Objekten, können hier zwar nur etwa ein Drittel überhaupt zeigen, wechseln aber oft die Exponate», sagt Museumsführerin Olga. Sie und die Ausstellung reißen auch kurz die dunklen Seiten des Stalin-Regimes an.

Im großen Terror in den 1930ern ließ Stalin bei politischen Säuberungen Menschen ermorden oder im Straflagersystem (Gulag) bis zum Tod ausbeuten. Zu sehen ist etwa eine Gulag-Gefangenenzelle.

Wer aber eine Aufarbeitung von Verbrechen oder eine Abrechnung mit dem Massenmörder Stalin erwartet, wird hier enttäuscht. «Ich finde gut, dass es um viele Facetten des Menschen und Politikers geht», sagt eine Moskauerin, die mit ihrer Familie in Georgien Urlaub macht.

Flair der Sowjetunion soll erhalten bleiben

Trotz eines Krieges mit Russland, bei dem Georgien 2008 die Kontrolle über seine abtrünnigen Regionen Abchasien und Südossetien verlor, sind Touristen aus dem Nachbarland willkommen in dem Südkaukasusland.

Zwar gab es zeitweilig Pläne, das Museum zu einer Schau über Russlands Aggression zu machen. Aber sie scheiterten - wohl auch, weil Georgien mit dem Stalin-Gedenken mehr Besucher aus dem Ausland anzieht. Allein im ersten Halbjahr verzeichnete die nationale Tourismusverwaltung 1,9 Millionen Touristen, 60 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum, aber immer noch weniger als vor der Pandemie.

Das staatliche Museum könnte nach Meinung einiger Besucher eine Modernisierung vertragen. Aber viele der rund 50 Mitarbeiter sind zurückhaltend. «Immerhin kommen die Menschen, um die Sowjetzeiten zu erleben, da wäre es nicht gut, alles nach modernen Standards zu machen», sagt Stiftungschefin Achobadse.

Das Museum sei auch ein Grund für viele Menschen aus aller Welt, Georgien zu besuchen. «Der Charme besteht darin, dass wir ein Flair der Sowjetunion haben.»

Ein Anruf führt zum Stalin-Koloss

Auch deshalb hätten die Museumsmitarbeiter gern noch das von der Regierung vor 13 Jahren abgerissene große Stalin-Denkmal hier als zusätzlichen Besuchermagneten. «Wir arbeiten daran», sagte Achobadse. Leicht wird das aber nicht. Das Denkmal wird inzwischen wie ein Staatsgeheimnis gehütet. «Es gibt viele Leute, die Schmerzhaftes erlebt und das nicht vergessen haben. Andere sehen Stalin als Teil der Geschichte Georgiens und wollen sich dem stellen.»

Achobadse steht zum Abschied am Eingang des Museums. Da kommt er, der Anruf von der Stadtverwaltung zum versteckten Stalin-Monument. Es gibt eine Telefonnummer und Kontaktperson.

Einige Minuten von Gori entfernt, in dem Dorf Berbuki auf einem Hof, liegt er unbeschadet, der stählerne Stalin-Koloss mit dem Gesicht zum Boden gewandt. Ein Wachmann, der das Tor öffnet, ist vorsichtig mit Prognosen zur Zukunft des Denkmals. Aber Stalin auf diesem Landwirtschaftshof dauerhaft zu verstecken, sei auch keine Lösung, sagt er.

Reiseinfos zu Georgien

Klima und Reisezeit: Im Winter locken die Skigebiete im Kaukasusgebirge. Im Frühjahr und Sommer sind Ausflüge zu den alten Kirchen und Klöstern, aber auch in die Bergregionen oder ans Schwarze Meer beliebt. Im Spätsommer und Herbst ist in den Weinregionen Hochbetrieb.

Anreise: Von Berlin oder München aus gibt es Direktflüge in die Hauptstadt Tiflis, von Berlin aus wird zudem die Stadt Kutaissi angeflogen. Mit dem Auto nach Gori sind es von Tiflis aus rund anderthalb Stunden, ab Kutaissi fährt man eine Stunde länger.

Einreise: Es ist nur ein Reisepass nötig, kein Visum.

Stalin-Museum: Der Eintritt in das Museum samt aller Ausstellungsteile und Führung kostet 15 Lari (5,33 Euro).

Geld: In Georgien gilt die Währung Lari. 1 Euro entspricht etwa 2,83 Lari (Stand: Anfang Oktober 2023).

© dpa ⁄ Ulf Mauder, dpa
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