Auf den Spuren starker Frauen durch Deutschlands Hauptstadt

30.03.2022 Berliner Stadtgeschichte ist oft Männergeschichte. Aber was ist mit den Frauen, die die Stadt geprägt haben? Spezielle Touren widmen sich ihnen - und erweitern den Blick auf Berlin.

Was wäre passiert, wenn Friedrich Schiller ein Mädchen gewesen wäre? Darüber sinnierte einst die Berliner Frauenrechtlerin Hedwig Dohm (1831-1919) und kam zu dem Schluss: «Friederike Schiller» wäre die größte Dichterin Deutschlands gewesen - «wenn auch ungedruckt».

Zu Dohms Lebzeiten waren die Arbeitsmöglichkeiten für Frauen beschränkt. Dohm forderte die völlige Gleichstellung - bei Bildung, Beruf, Wahlen. So radikal das damals war, heute kennen nur wenige die Publizistin. Eine Stadtführung in Berlin folgt ihren Spuren.

«Menschenrechte haben kein Geschlecht», so lautet Hedwig Dohms berühmtester Satz. Er steht auf ihrem Grabstein auf dem St.-Matthäus-Kirchhof im Stadtteil Schöneberg. Und ebenso auf einer Gedenktafel an einer Häuserwand im Kreuzberger Teil der Friedrichstraße, wo Dohm 1831 geboren wurde.

In der Nähe ist das Willy-Brandt-Haus, die Bundeszentrale der SPD. Auch der Checkpoint Charlie ist nicht weit entfernt von Dohms Geburtsort. Er erinnert an die Teilung der Stadt, an die Mauer. An ihr, in Höhe des Brandenburger Tors, sang der US-Schauspieler David Hasselhoff zu Silvester 1989 von «Freedom». Brandt und Hasselhoff dürften fast jedem Berlin-Besucher etwas sagen, Dohm nicht unbedingt.

Männer sind bei den Touren selten dabei

Hedwig Dohm sei lange in Vergessenheit geraten, sagt Stadtführerin Tanja Beer, die an einem Frühlingstag im März knapp zwanzig Frauen auf Spurensuche rund um das Leben der Feministin mitnimmt. Männer haben sich keine angemeldet - es seien eher selten welche dabei, sagt Beer, die die Tour 2019 zum 100. Todestag Dohms konzipiert hat.

Angeboten wird sie von Crossroads, einer Organisation, die Führungen mit kirchlichem Schwerpunkt anbietet - und Touren, die eher unbekannte Biografien und Geschichten aus Berlin beleuchten.

Beer führt die Gruppe von der Friedrichstraße über das Jüdische Museum und das Berliner Abgeordnetenhaus zum Potsdamer Platz. Dohm, die 1919 starb, sei in den 1970er-Jahren wiederentdeckt worden, erzählt Beer. Die Zeitschrift «Emma» etwa habe in der Reihe «Schwestern von gestern» über sie berichtet.

Bekannt für entwaffnenden Humor

Der Titel der Reihe hätte Dohm vielleicht gefallen. Sie war bekannt für ihren Humor, mit dem sie selbst ihre Kritiker entwaffnet habe, so Beer. Den Vorwurf, sie hasse Männer, habe sie gekontert: Keinesfalls hasse sie Männer, sie möge ja auch Löwen - «aber das heißt nicht, dass ich mich von ihnen fressen lasse.»

Die für ihre Zeit so radikale Feministin ist nur eine von vielen prägenden Frauen, die in Berlin gelebt haben. Für September plant Crossroads eine Themenwoche mit Stadtführungen rund um die Frauen der Hauptstadt. Namen wie Christa Wolf oder Kaiserin Auguste Viktoria sind im Gespräch. Das genaue Programm steht noch nicht fest.

Von Lesben-Subkultur bis Zuwanderinnen-Geschichte

Bei Frauentouren steht Frauengeschichte schon seit 1994 im Mittelpunkt, dem Jahr der Gründung. Das Berliner Netzwerk bietet Führungen, Vorträge oder Seminare an.

Rund 100 Touren sind im Angebot: Von «Die Goldenen Zwanziger am Kurfürstendamm», «Lesben-Subkultur» oder «Frauenleben in der NS-Zeit» über «Schriftstellerinnen im Berliner Westen», «Zuwanderinnen in Neukölln» oder «Preußische Königinnen», bis hin zu Führungen mit Titeln wie «Morden Frauen anders?» oder «Bauen Frauen anders?».

Auf der Homepage findet sich ein ganzer Reigen an Touren. Und es kämen immer neue hinzu, sagt Claudia von Gélieu, die die «Frauentouren» einst mitgründete.

«Wir verstehen uns als Netzwerk und sind offen für neue Zugänge zu Frauengeschichte», sagt die 61-Jährige. Wichtig sei etwa, dass Migrantinnen ihre Geschichten selbst erzählten und nicht jemand über sie spreche. Eine Tochter von türkischen Gastarbeitern oder eine Frau, die als Flüchtlingskind aus dem Libanon gekommen sei, böten Führungen an. «Bei diesen Touren gibt es oft die meisten Fragen.»

Gleichstellung beim Gedenken

Die Frauentouren setzen sich auch dafür ein, dass mehr Frauennamen im Stadtbild zu sehen sind - auf Straßenschildern, Ehrentafeln oder in Form von Denkmälern. «Bis Frauen in der Geschichte, beim Erinnern und Gedenken gleichgestellt sind, bleibt noch viel zu tun», heißt es auf der Homepage von Frauentouren.

Ist der Satz noch aktuell? Claudia von Gélieu sagt: «Es tut sich einiges, aber noch nicht genug.»

© dpa

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