Pommes sind tabu: Bei Orthorexie gibt es nur Gesundes

11.03.2022 Gesunde Ernährung - ganz ohne fettige oder süße Sünden: Wer von Orthorexie betroffen ist, folgt in seinem Essverhalten strikten Regeln. Die sind oft so eng, dass die Lebensfreude darunter leidet.

Ohne Kompromisse: Orthorektiker zwingen sich zu gesunder Ernährung und meiden Lebensmittel, die Zusatzstoffe enthalten. © Christin Klose/dpa-tmn/Illustration

Essen ist für die meisten Menschen nicht einfach nur Nahrungsaufnahme. Essen ist auch Spaß, Genuss, Lebensfreude. Dann etwa, wenn man sich das Stück Sahnetorte, den saftigen Schweinebraten oder die Tüte Pommes schmecken lässt.

Allerdings gibt es Menschen, die diese fettigen und süßen Leckereien ablehnen - ganz grundsätzlich. Ihr Speiseplan setzt sich ausschließlich aus Lebensmitteln zusammen, die als gesund gelten. Dieses Essverhalten nennt sich Orthorexie.

Das Wort «Orthorexie» stammt aus dem Griechischen und heißt übersetzt so viel wie «der richtige Appetit». Wer zu den Orthorektikern zählt, ist nahezu besessen davon, nur Vollwertkost und Bioprodukte zu sich zu nehmen.

Zucker- oder fettreiche Nahrung oder Lebensmittel mit künstlichen Zusatzstoffen sind tabu. «Das Essverhalten von Orthorektikern ist zwanghaft, reguliert und durchgeplant», sagt Elke Binder, Ernährungsberaterin in Kempten.

Dahinter steht nicht zwangsläufig der Wunsch, das Körpergewicht zu halten oder gar abzunehmen. Wer sich kompromisslos gesund ernährt, erhofft sich davon meist, so Zivilisationskrankheiten vorzubeugen.

Junge Frauen sind am häufigsten betroffen

«Frauen sind deutlich anfälliger für Orthorexie als Männer», sagt Prof. Johannes Georg Wechsler, Präsident des Bundesverbands Deutscher Ernährungsmediziner (BDEM).

Ihm zufolge sind es eher die jüngeren Frauen, die betroffen sind. Das könnte mit dem Schönheitsideal zusammenhängen, das über soziale Medien und Werbung verbreitet wird. Folgt man diesen Bildern, müssen Frauen (gerten-)schlank und topfit sein.

«Aber auch das Essverhalten von jungen Männern, die sportlich sehr aktiv sind, hat mitunter orthorektische Züge», erklärt Elke Binder. Betroffenen fehlt oft das Vertrauen in ihren Körper. Auch Leistungsdruck und starke Selbstbeherrschung können Orthorexie begünstigen.

Orthorexie entsteht schleichend

Die Entwicklung hin zur Orthorektikerin oder zum Orthorektiker verläuft meist schleichend. «Oft fängt es damit an, dass Betroffene sich streng reglementierte Essenspläne erstellen und sich bei der Umsetzung von einer App förmlich kontrollieren lassen», erläutert Ernährungsberaterin Binder.

So gelangen Betroffene zu einer extremen Selbstkontrolle beim Essen: Alles dreht sich um die gesunde Nahrung. Oft verdonnern sie sich selbst dazu, ab einer bestimmten Uhrzeit nichts mehr zu essen.

Und wenn man doch mal ein halbes Stück Kuchen gegessen - und gegen die eigenen Regeln verstoßen hat? In so einem Fall fühlen sich Betroffene oft schuldig und glauben fälschlicherweise, ihrem Körper geschadet zu haben.

Die Folgen sind vielfältig

Orthorexie kann unterschiedliche Folgen haben. Auch wenn Betroffene vor allem gesunde Lebensmittel zu sich nehmen, kann ihre Ernährung einseitig werden. Oft begleitet auch ein Gewichtsverlust die Orthorexie. Zuletzt kann es passieren, dass die Lebensfreude getrübt wird. Denn: Die starren Regeln lassen es nicht zu, sich etwas zu gönnen.

Oft wirkt die Orthorexie auch in das Umfeld hinein: Von ihren strikten Vorgaben sind Betroffene so überzeugt, dass sie ihren Mitmenschen, die sich «ungesünder» ernähren, ein schlechtes Gewissen einreden. Und: Eine Einladung von Freunden zum Pizza-Essen oder Fondue-Abend lehnen Orthorektiker wahrscheinlich ab. Nicht jede Freundschaft hält das aus.

Orthorexie ist derzeit allerdings nicht als Krankheit anerkannt. «Die Fachwelt diskutiert, ob Orthorexie überhaupt einen Krankheitswert hat», sagt Ernährungsmediziner Wechsler. Aus seiner Sicht kann nicht von einer Ess- oder Suchtstörung die Rede sein. Eine Orthorexie in leichterer Ausprägung könnte am ehesten als eine «Macke» der jeweiligen Person durchgehen, so Wechsler.

Bei Leidensdruck ist eine Therapie sinnvoll

In solchen Fällen kann Hilfe von einer Person kommen, die das Thema Essen lockerer sieht. «Das kann etwa der Partner oder ein guter Hausarzt sein, der versucht, einen von den starren Regeln abzubringen», so Wechsler.

Anders sieht es aus, wenn ein Orthorektiker oder eine Orthorektikerin unter dem eigenen Essverhalten leidet oder es zu einem echten Zwang wird. Dann kann laut Wechsler eine Psychotherapie sinnvoll sein, die die Gründe hinter dem Ernährungsverhalten erforscht und dabei hilft, sie zu überwinden. Einer Orthorexie können etwa seelische Konflikte oder Ängste zugrunde liegen.

Anlaufstellen sind dann Psychologen oder Psychotherapeuten, die auf Zwangshandlungen spezialisiert sind. «Je früher man sich bei Orthorexie schwerer Ausprägung Hilfe holt, desto besser ist es für den Körper des oder der Betroffenen», so Elke Binder.

Auch die Erziehung prägt

Aus Sicht der Kemptener Ernährungsberaterin kann man vorbeugend durchaus etwas gegen Orthorexie tun. «Wichtig ist vor allem, dass Eltern auch in puncto Essen für ihre Kinder Vorbild sein sollten», betont Elke Binder.

Zugleich sollten Mütter und Väter ihren Nachwuchs darin bestärken, nicht unreflektiert den Schönheitsidealen nachzueifern, die sie in sozialen Medien und der Werbung beobachten.

«Natürlich kommt es darauf an, sich gesund und ausgewogen zu ernähren - aber gleichzeitig auch mit Genuss und mit Spaß am Essen», so Binder. Und es spricht auch nichts dagegen, sich auch mal etwas zu gönnen. Schließlich bringt das Spaß, Genuss und Lebensfreude.

© dpa

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