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Funkstille: Wenn das erwachsene Kind den Kontakt abbricht

Es kann von einen auf den anderen Tag passieren: Erwachsene Kinder wollen mit ihren Eltern nichts mehr zu tun haben. Wie umgehen damit - und was, wenn Enkel oder schwere Erkrankungen im Spiel sind?
Mann sitzt in Sessel und blickt aus dem Fenster.
Keine spontanen Besuche mehr, keine Anrufe: Ein Kontaktabbruch des erwachsenen Kindes ist für Eltern oft nur schwer zu ertragen. © Karolin Krämer/dpa-tmn

Keine Anrufe oder Nachrichten mehr. Keine Einladungen zum Geburtstag. Kein Besuch von Enkelkind am Wochenende. Wenn erwachsene Kinder plötzlich den Kontakt abbrechen, bricht für ihre Eltern oft eine Welt zusammen.

Dabei passiert das selten aus dem Nichts. «Im Nachhinein kann man in der Regel feststellen, dass es Vorboten für einen Kontaktabbruch gab», sagt Rose Griffel. Sie ist systemische Paar- und Familientherapeutin in Stuttgart. «Der Kontakt wird immer seltener, kühler und auf das Nötigste beschränkt.» Es komme auch vor, dass ein unversöhnlicher Streit die Ursache sei.

Es geht um Abhängigkeiten und Abgrenzung

Die große Frage, die das Herz vieler verlassener Eltern schwer macht und um die die Gedanken stundenlang kreisen können: Warum?

Die Motive für die Entscheidung der Kinder können vielfältig sein. «Meist fühlt sich der Sohn oder die Tochter schon lange in den eigenen Fähigkeiten, Zielen und Ansichten nicht angemessen wahrgenommen und anerkannt, sondern herabgesetzt und gekränkt», sagt Rose Griffel.

Und: Er oder sie sieht keine Chance, die Beziehung zu den Eltern durch ein offenes Gespräch zu verbessern. Der Kontaktabbruch sei das letzte Mittel, um sich von Abhängigkeiten zu befreien und einen eigenen Weg zu gehen.

«Manchmal kann auch eine radikale Distanz zum Elternhaus aus dem Bemühen resultieren, sich abzugrenzen, einem Tabu zu entrinnen und schwere Verletzungen aus Kindheit und Jugend zu verarbeiten oder zu vergessen», sagt Griffel.

Oder es geht um einen Loyalitätskonflikt bei Problemen zwischen den Eltern und der eigenen Partnerin oder dem Partner. Auch hier kann ein Kontaktabbruch als letzte Chance gesehen werden, um ständige Streitereien zu beenden.

Wie Eltern damit umgehen

So schwer es für die Eltern ist, die sich möglicherweise verlassen und verzweifelt fühlen: Sie sollten zunächst versuchen, den Schritt zu respektieren. Und das heißt: nicht ständig versuchen, ihr Kind zu kontaktieren. Vor allem sollten sie ihm keine Schuldgefühle machen.

«Nach einiger Zeit, wenn sich der eigene Ärger gelegt hat, können sie vorsichtig signalisieren, dass sie den Grund für den Kontaktabbruch verstehen wollen und bereit für ein offenes Gespräch sind», rät Rose Griffel.

Zur Verzweiflung kommt die Scham der Eltern

Auch Birgitt Hotopp, systemische Beraterin und Therapeutin aus Lüneburg, empfiehlt, die Funkstille zunächst zu akzeptieren.

In dieser Zeit können sich die Eltern mit ihren eigenen Gefühlen auseinandersetzen. «Es ist sicher bei vielen Eltern der Fall, dass sie neben der Traurigkeit und der Verzweiflung über den Kontaktbruch auch Scham empfinden», sagt Birgitt Hotopp. «Sie fürchten, von anderen Personen als schlechte Eltern angesehen zu werden und sich dafür rechtfertigen zu müssen, dass ihre Kinder den Kontakt abgebrochen haben.»

In dieser Situation könne therapeutische Unterstützung oder der Besuch einer Selbsthilfegruppe sinnvoll sein. «Das Gespräch mit anderen betroffenen Eltern, die in einer ähnlichen Situation sind, kann den Gedanken des sozialen Versagens relativieren.»

Eine Chance auf Versöhnung sieht Birgitt Hotopp, wenn die Eltern die Funkstille als Notruf ihres Kindes wahrnehmen können. «Wenn sie beginnen, sich zu fragen, was ihr Kind so belasten könnte und was in der Familie geschehen ist.»

Birgitt Hotopp rät, sich dabei therapeutische Hilfe zu suchen. «In fast allen Fällen gab es bei den verlassenen Eltern schon Schwierigkeiten mit den eigenen Eltern», sagt sie.

Wenn der Kontaktabbruch als Anlass gesehen wird, sich mit der eigenen Geschichte und destruktiven Familienmustern auseinanderzusetzen, dann könne sich eine Tür öffnen. Und zwar die für eine mögliche Versöhnung und die Gestaltung eines besseren Verhältnisses.

Was ist mit den Enkelkindern?

Besonders belastend kann es sein, wenn gleichzeitig der Kontakt zu den Enkelkindern verloren geht. «Das Aufwachsen der Enkel nicht miterleben zu dürfen, ist meist die schmerzhafteste Seite des Kontaktverlustes», sagt Rose Griffel.

Sie empfiehlt betroffenen Großeltern, den Enkeln kleine, unverfängliche und liebevolle Briefe und Päckchen zu schicken, zumindest zu Anlässen wie Geburtstagen oder Weihnachten. So könne man zeigen, dass man an das Kind denke und in Gedanken Anteil an seinem Leben nehme. «Auch keinen Fall darf man das Kind benutzen, um Botschaften an die Eltern zu transportieren», stellt die Expertin dabei klar.

Dann sollten die Eltern lieber Glückwünsche oder Weihnachtskarten an ihre erwachsenen Kinder selbst schicken - mit netten Worten und ohne Hintergedanken. «Ich rate, dabei nicht den Kontakt herstellen zu wollen, sondern ohne Erwartungen einseitige Signale zu senden wie: Ich denke an dich und euch, ich bin traurig und vermisse dich, bin aber nicht böse und beleidigt.»

Sonderfall: Schwere Erkrankung

Und was ist, wenn eines der verlassenen Elternteile schwer erkrankt? Ist das ein Grund, um wieder den Kontakt zu suchen? «Ich denke, dass die Kinder über die schwere Erkrankung eines Elternteils informiert werden sollten», sagt Birgitt Hotopp. «Auch wenn Kinder den Kontakt abbrechen, können sie ihre Familie nicht einfach hinter sich lassen und im tiefsten Inneren bleibt eine Verbindung zu den Eltern.»

Passiere es in dieser Situation, dass der erkrankte Elternteil sterbe, sei die Chance auf eine Versöhnung oder ein Abschied für immer vorbei.

Um zu vermeiden, überhaupt in eine solche Lage zu kommen, können Eltern vorbeugend an einer guten Beziehung arbeiten: «Ist das Verhältnis angespannt, ist der wichtigste Schlüssel meiner Meinung nach eine nicht nachlassende Kommunikationsbereitschaft», sagt Hotopp. «Ich sollte genau zuhören, was mir mein Kind eventuell zu sagen versucht und nicht nur auf den eigenen Standpunkt beharren - sondern auch mal die Perspektive des Kindes einnehmen.»

© dpa ⁄ Julia Felicitas Allmann, dpa
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