Musk will Twitter nicht mehr kaufen - Firma droht mit Klage

Tech-Milliardär Elon Musk macht einen Rückzieher beim Twitter-Kauf. Seine Anwälte verweisen auf angeblich unvollständige Informationen zur Zahl von Fake-Accounts bei dem Online-Dienst.
Elon Musk wollte die Nachrichten-Plattform Twitter eigentlich kaufen. © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Die turbulente Twitter-Übernahme durch Elon Musk hat die Chaos-Stufe erreicht: Der Tech-Milliardär tritt vom Kauf zurück, doch die Firma will den Deal vor Gericht durchboxen. Musks Anwälte begründeten den Rückzieher am Freitag mit angeblich unzureichenden Informationen zur Zahl der Fake-Accounts bei dem Kurznachrichtendienst. Twitter zeigte sich überzeugt, dass man sich in einem Rechtsstreit durchsetzen würde. Die Twitter-Aktie sackte im nachbörslichen Handel am Freitag um rund fünf Prozent ab.

Überraschend kommt Musks Kehrtwende nicht: Musk hatte schon seit Wochen die Twitter-Zahlen öffentlich angezweifelt. Das wurde von Beobachtern bereits als Versuch interpretiert, zumindest den Preis zu drücken. Zu seinem Gebot wäre der Deal mehr als 44 Milliarden Dollar (rund 43 Mrd Euro) schwer, während Twitter an der Börse zuletzt rund 28 Milliarden Dollar wert war. Beobachter hatten spekuliert, dass Musk angesichts der Preisdifferenz nicht mehr gewillt war, an dem ursprünglichen Gebot festzuhalten.

Musk hatte im Frühjahr von sich aus zum Kauf von Twitter angesetzt. Er betonte wiederholt, es gehe ihm dabei nicht um Geld, sondern vor allem darum, die Redefreiheit auf der Plattform zu stärken. So sagte Musk, er würde den von Twitter verbannten ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump wieder zurück auf die Plattform lassen.

Der Verwaltungsrat des Online-Dienstes sperrte sich zunächst gegen Musks Gebot von 54,20 Dollar je Aktie, akzeptierte es dann aber doch. Als nächstes sollten in den kommenden Monaten die Aktionäre über den Verkauf ihrer Anteile an Musk abstimmen. Musks Preis wäre für viele von ihnen ein guter Deal: Schon vor seinem Rückzieher am Freitag ging das Papier bei nur 36,81 Dollar aus dem US-Handel.

Klagen über mangelnden Zugang zu Daten

Musk versuchte schon seit Mitte Mai, angeblich falsche Schätzungen von Twitter zur Zahl der Spam- und Fake-Accounts zum Thema zu machen. So erklärte er den Übernahmedeal deswegen bereits für ausgesetzt. Musks Anwälte behaupteten nun, Twitter habe es seit fast zwei Monaten versäumt, Musk und seinem Beraterstab die benötigten Datenzugänge zur Überprüfung der Angaben zu Fake-Accounts bereitzustellen. Unter anderem seien Abrufe von Daten über Schnittstellen begrenzt worden. Musks Seite bezeichnet das als einen Bruch der Vertragspflichten, der eine Auflösung der Kaufvereinbarung rechtfertige. Ob das Gericht im Budesstaat Delaware das genauso sieht, wird von US-Beobachtern angezweifelt.

Musk müsste für einen Erfolg nachweisen, dass Twitter so gravierende Informationen unterschlagen habe oder sich so erhebliche Änderungen am Geschäft ergeben hätten, dass der Deal zu den vereinbarten Konditionen nicht mehr nicht mehr tragbar ist. Der Streit käme vor den Delaware Chancery Court, der unter anderem den Vollzug einer Übernahme anordnen kann. In einem seltenen Fall, in dem es den Rückzieher eines Käufers billigte, erlaubte es dem Gesundheitskonzern Fresenius 2018, die Übernahme der Pharmafirma Akorn abzusagen. Die Richter befanden damals, dass Akorns Informationen zur Geschäftslage und den Aussichten von Medikamenten erhebliche Lücken aufwiesen.

Twitter schätzt - und zwar schon seit einiger Zeit - dass die Zahl der gefälschten Accounts bei weniger als fünf Prozent liegt. Das liege auch daran, dass das Unternehmen täglich rund eine Million Versuche blockiere, neue Spam-Profile anzulegen. Musk zweifelte das öffentlich an - bereits nachdem er die Übernahmevereinbarung unterschrieben hatte. Zugleich kann er nicht behaupten, dass er überrascht wurde: Bei Bekanntgabe der Kaufpläne kündigte er an, er wolle die automatisierten Bot-Accounts besiegen, «oder bei dem Versuch sterben».

Strafe von einer Milliarde Dollar vereinbart

Twitter zeigte sich entschlossen, Musk nicht aus dem Kaufvertrag rauslassen. Man halte daran fest, den Verkauf zu dem mit ihm vereinbarten Preis abzuschließen und plane, dafür vor Gericht zu gehen, betonte Verwaltungsratschef Bret Taylor.

Musk und Twitter haben eine Strafe von einer Milliarde Dollar vereinbart, falls eine Partei den Deal nicht umsetzen kann. Dabei geht es aber eher um Probleme wie eine gescheiterte Finanzierung als eine Kehrtwende.

Musk ist bereits Twitter-Großaktionär mit einem Anteil von gut neun Prozent, den er vor Ankündigung der Übernahmepläne an der Börse zusammenkaufte. Auch hier gab es Ärger. So hielt Musk die Frist nicht ein, in der das Überschreiten der Beteiligung von fünf Prozent öffentlich gemacht werden muss. Da nach dieser Mitteilung der Aktienpreis hochsprang, wird Musk in einer Anlegerklage vorgeworfen, er habe mit der Verzögerung viel Geld beim Kauf weiterer Anteile gespart.

Auch wenn Musk betonte, es gehe bei dem Twitter-Deal nicht um Geld, so hätte er dafür jedoch einen Teil seines Vermögens einsetzen müssen. Der Chef des Elektroautobauers Tesla und der Raumfahrtfirma SpaceX ist zwar der mit Abstand reichste Mann der Welt - sein auf über 220 Milliarden Dollar geschätzter Besitz besteht jedoch hauptsächlich aus Aktien. Um Geld flüssig zu machen, trennte er sich zum Teil von Anteilsscheinen. Auch wollte er Kredite aufnehmen und andere Geldgebern ins Boot holen. Die Tesla-Aktie legte im nachbörslichen Handel um 2 Prozent zu - seit Ankündigung der Twitter-Übernahmepläne war der Kurs um rund 30 Prozent abgesackt.

Für Twitter eröffnet die Entwicklung die Aussicht weitere Monate der Ungewissheit. Der Online-Dienst kürzte bereits seine Ausgaben unter anderem durch einen Einstellungsstopp - auch das führten Musks als unwillkommenen Eingriff in das Geschäft an.

Dass überhaupt versucht wird, Übernahmen in dieser Größenordnung abzublasen, passiert selten, kommt aber vor. So wollte das französische Luxusartikel-Konglomerat LVMH 2020 die Übernahme des US-Juweliers Tiffany unter Verweis auf Geschäftseinbrüche in der Corona-Pandemie absagen. Der Rechtsstreit endete damit, dass Tiffany ein niedrigeres Gebot von 131,5 Dollar pro Aktie statt der ursprünglichen 135 Dollar akzeptierte.

© dpa
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