Facebook-Whistleblowerin fürchtet um ihre Sicherheit

04.11.2021 Mit der Enthüllung von Facebook-Interna hat Frances Haugen das Online-Netzwerk unter neuen politischen Druck gesetzt. Die ehemalige Facebook-Mitarbeiterin fordert mehr Transparenz - und sorgt sich um ihre eigene Sicherheit.

Frances Haugen, Facebook-Whistleblowerin, spricht bei einem Interview. Foto: Christophe Gateau/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Facebook-Whistleblowerin Frances Haugen drängt die Politik, sich besseren Einblick in die Funktionsweise von Online-Netzwerken zu verschaffen.

«Wir brauchen genug Daten, um als Öffentlichkeit diese Systeme zu verstehen», sagte Haugen der Deutschen Presse-Agentur. Dafür müssten die Unternehmen verpflichtet werden, regelmäßig - «etwa wöchentlich, täglich» - Informationen bereitzustellen.

«Facebook hat der Öffentlichkeit absichtlich wichtige Daten vorenthalten» - um Mechanismen zum Verständnis des Online-Netzwerks zu verhindern, kritisierte Haugen. «Weil heute die einzigen Leute, die Facebook erforschen können, bei Facebook arbeiten, haben wir nie die Chance bekommen, eine solche Infrastruktur aufzubauen.»

Profite über das Wohl seiner Nutzer gestellt

Die frühere Facebook-Mitarbeiterin Haugen hatte eine große Sammlung interner Unterlagen heruntergeladen und dem US-Kongress, Behörden sowie ausgewählten Medien zur Verfügung gestellt. Die Informationen belegen ihr zufolge, dass der Konzern Profite über das Wohl seiner Nutzer stellt. So seien interne Hinweise auf für Nutzer schädliche Entwicklungen ignoriert worden. Facebook weist die Vorwürfe zurück.

«Das Problem von Facebook sind nicht schlechte Menschen oder schlechte Ideen», sagte Haugen. Es sei vielmehr die Verstärker-Rolle heutiger Systeme, die «die extremsten Inhalte an die meisten Menschen verteilen». Die könne abgestellt werden. «Ich denke, es gibt einfache politische Maßnahmen, die die Anreize in diesen Unternehmen verändern können.» Dazu zählt sie halbjährliche Risikoanalysen, die Online-Firmen zu ihren Diensten erstellen müssten - und zu denen Regulierungsbehörden unabhängige Einschätzungen einholen sollten.

Geschockt über neuen Namen

Hart ins Gericht ging Haugen mit Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. Die jüngste Ankündigung, den Namen des Facebook-Konzerns mit dem Fokus auf die neue virtuelle Welt «Metaverse» in Meta zu ändern, habe sie schockiert. Sie sehe darin den Versuch, die Aufmerksamkeit von der Debatte über von Facebook ausgelöste ethnische Gewalt auf Videospiele zu lenken.

In ihrer Zeit bei Facebook hätte man die dafür bereitgestellten Ressourcen für den Schutz der Nutzer gut gebrauchen können. «Die Tatsache, dass Facebook sich 10.000 Entwickler für Videospiele leistet, aber nicht für Sicherheitssysteme, zeugt meiner Meinung nach von einer eklatanten Führungsschwäche.»

Ein Sprecher des Meta-Konzerns wies diese Verknüpfung als einen «lächerlichen Vergleich» zurück. «Es ist nicht so, dass ein Unternehmen nur neue Technologien entwickeln oder in die Sicherheit der Menschen investieren kann.» Meta mache beides. «Wir sind dabei, allein im Jahr 2021 fünf Milliarden Dollar für Sicherheit auszugeben und haben 40.000 Leute, die daran arbeiten - in 70 Sprachen, inklusive Deutsch.»

Besorgt auch umihre Familie

Persönlich sorgt sich Haugen nach dem Gang an die Öffentlichkeit um ihre Sicherheit. «Wovor ich am meisten Angst habe, ist vermutlich nicht Facebook. Es ist, dass es eine Menge Leute gibt, die davon profitieren, wie das System heute funktioniert.» Sie befürchte, dass diese Leute Gerüchte über sie verbreiten könnten, die irgendjemanden radikalisierten. «Ich denke, es gibt die Möglichkeit, dass jemand Verschwörungstheorien über mich glauben und mir Schaden zufügen könnte», sagte die 37-Jährige. So stoße sie bei Twitter auf extreme Ideen über sich. Sie sei auch um ihre Familie besorgt: «Ich lese Bedrohungs-Analysen über Leute, die sich im Dark Web über meine Mutter unterhalten.»

Die Aufmerksamkeit nach ihren Enthüllungen findet Haugen «surreal», während sie generell auf ihre Privatsphäre bedacht sei. «Ich denke, dass es bei den Menschen einen Hunger danach gibt, in diese Systeme hineinzusehen, die einen so großen Einfluss auf ihre Leben haben.» Sie sei dankbar, dass sie ihre Informationen ernst nähmen.

Als sogenannte Whistleblowerin, die Fehlverhalten anprangert, genießt Haugen Schutz nach US-Recht. Seit sie Facebook im Frühjahr verließ, lebe sie persönlich von ihren Ersparnissen - die unter anderem dank früher Investitionen in Kryptowährung ausreichten. «Ich könnte 20 Jahre so weitermachen, wenn auch nicht für immer.» Rechtlich werde sie unentgeltlich von der Organisation Whistleblower Aid vertreten und sei dankbar für die Unterstützung von mehr als 1000 Spendern.

© dpa-infocom GmbH

Weitere News

Top News

Fußball news

Europa League: Eintracht Frankfurt mit Lindström gegen die Rangers

Tv & kino

Festival-Eröffnung: Selenskyj und ein Zombiefilm in Cannes

Gesundheit

Oft wohl mehr als Zufall: Warum manche Menschen kein Corona hatten

Tv & kino

Kult-Regisseur: Quentin Tarantino ist stolz auf sein Durchhaltevermögen

Tv & kino

Filmfestival Cannes: Tom Cruise war lange nicht bereit für «Top Gun»-Fortsetzung

Internet news & surftipps

Computer: Microsoft verspricht Cloud-Diensten faireren Wettbewerb

Auto news

Dashcam für Radler: Garmin bringt Rad-Kamera mit Radar und Rücklicht

Internet news & surftipps

Softwarekonzern: SAP: Suche für den Vorsitz im Aufsichtsrat geht weiter

Empfehlungen der Redaktion

Internet news & surftipps

Internet: Facebook-Whistleblowerin besorgt über «Metaverse»-Pläne

Eilmeldungen

Internet: Facebook-Whistleblowerin setzt auf EU-Pläne

Internet news & surftipps

Online-Konzern: Klage aus Ohio gegen Facebook-Firma Meta nach Kursverlusten

Internet news & surftipps

Meta: Peter Thiel tritt als Verwaltungsrat bei Facebook-Mutter ab

Internet news & surftipps

Internet: Facebook-Konzern baut großen KI-Supercomputer

Internet news & surftipps

Quartalszahlen: Nutzer-Wachstum bei Facebook stockt - Aktie bricht ein

Wirtschaft

Datenschutz: 50.000 Meta-Nutzer im Visier von Überwachungsfirmen

Internet news & surftipps

iPhone-Konzern: Stundenlanger Ausfall diverser Apple-Dienste