Es geht etwas voran beim E-Rezept

500 Millionen Rezepte für verschreibungspflichtige Medikamente bekommen die Bundesbürger jedes Jahr auf Papier. Im Digitalzeitalter wirkt das ziemlich antiquiert. Mit dem E-Rezept soll die Zettelwirtschaft eingedämmt werden.
Ein Mann zeigt der Apothekerin sein Rezept auf dem Smartphone (Symbolbild). © Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Um die schleppende Einführung des E-Rezepts zu beschleunigen, setzt die halbstaatliche Firma Gematik auf etwas mehr Verbindlichkeit.

Nach einem einstimmigen Beschluss ihrer Gesellschafter - neben dem Bundesgesundheitsministerium auch Kassen-, Ärzte- und Klinikorganisationen - stellte das Unternehmen am Mittwoch ein regionales Stufenmodell vor. In Westfalen-Lippe und in Schleswig-Holstein sollen am 1. September Pilotverfahren starten, bei denen Schritt für Schritt immer mehr Praxen und Kliniken mitmachen und schließlich eine flächendeckende Nutzung erreicht werden soll.

Pilotverfahren

Ursprünglich sollte das E-Rezept schon im Januar 2022 bundesweit zur Pflicht werden. Davon ist das jetzige Ambitionslevel zwar noch weit entfernt. Dennoch ist der Beschluss ein Schritt nach vorn. Denn es wird deutlich, dass Ärzte und Krankenhäuser allmählich das Tempo anziehen sollten.

Beim E-Rezept bekommen gesetzlich Versicherte kein rosa Zettelchen mehr, sondern einen Code auf ihr Smartphone, mit dem sie das gewünschte Medikament von der Apotheke erhalten. Wer die dafür nötige App nicht hat oder kein Smartphone benutzt, bekommt den Code ausgedruckt auf einem Zettel.

An dem dreimonatigen Pilotverfahren in den beiden Regionen müssen die Ärzte und Klinken zwar nicht unbedingt teilnehmen. Sollten die Gematik-Gesellschafter die regionale Einführung aber als Erfolg werten, würde die Nutzung von E-Rezepten ab Dezember verbindlich vorgeschrieben - eine Blockadehaltung könnte sich dann also rächen.

Das papierlose Rezept ist ein Mammutvorhaben bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens. Lange Zeit ging es - wenn überhaupt - im Schneckentempo voran. Eine Testphase in Berlin-Brandenburg im vergangenen Jahr war ein Flopp. Der Start einer bundesweiten Testphase, an der Praxen freiwillig mitmachen können, verzögerte sich und lief danach schleppend nur an. Aus der Ärzteschaft kam scharfe Kritik an dem Vorhaben, sie fürchtete Umsetzungsprobleme im Alltag. Auch unter den Krankenkassen und Apothekern gab es Vorbehalte. Zudem mangelte es zeitweise an Software-Updates. Im Dezember wurde der für den Jahreswechsel vorgesehene Pflichtstart abgeblasen.

Mehr Tempo gefragt

In der bislang laufenden bundesweiten Erprobungsphase wurden in sechs Monaten nur gut 24.000 E-Rezepte eingelöst. Gemessen an den jährlich etwa 500 Millionen Rezepten, die in Deutschland auf Papier ausgestellt werden, ist das ein verschwindend geringer Anteil. Immerhin zeigt die Kurve der Digitalverschreibungen nach oben. Die nun beschlossenen Vorgaben sollen zu mehr Tempo führen.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) pries das E-Rezept am Mittwoch als «Gewinn für Patienten, Ärzte und Apotheker» an. Es steigere die Arzneimittelsicherheit und erspare Zeit und Wege. «Das E-Rezept wird sich in der Praxis bewähren und dann schnell bundesweit Anwendung finden», erklärte der Minister. «Es ist der Beginn der überfälligen digitalen Revolution in unserem Gesundheitssystem.»

Der Gematik-Beschluss betrifft auch die Apotheken - für sie gilt ab dem 1. September die bundesweite Pflicht, die Digitalverschreibung anzunehmen. Ein Großteil der Apotheken ist ohnehin schon bereit. Der Deutsche Apothekerverband begrüßte die Vorgaben der Gematik. «Wir stellen uns der digitalen Transformation und sind für die konsequente Einführung des E-Rezeptes», sagte der Verbandsvorsitzende Thomas Dittrich. «In den kommenden drei Monaten werden die Apotheken nun auch ihr Personal vollständig schulen, damit Hardware, Software und deren fachgerechte Bedienung reibungslos ineinandergreifen können.»

Viel Skepsis unter Ärzten

Sorge haben die Apotheken vor «Retaxationen»: dass sie ein Medikament aushändigen, für das E-Rezept später von den Kassen aber nicht das erwartete Geld bekommen. So ein Fall ist der Gematik bei den bisher eingelösten Digitalverschreibungen allerdings nicht bekannt.

Unter Ärzten ist die Skepsis groß - sie fürchten Alltagsprobleme, sollte es mit der Technik hapern. Dass für die Praxen kein Pflichttermin beschlossen wurde, registrierte der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt, mit Erleichterung. Er stellte infrage, ob so eine Pflicht nötig ist. «Wenn die Anwendung funktioniert und einen Mehrwert für die Patientinnen und Patienten und die Ärztinnen und Ärzte bietet, wird sich das E-Rezept von ganz allein durchsetzen», sagte er. «Ein Zwang zur Nutzung würde den Eindruck erwecken, dass die Verantwortlichen selbst von dem Mehrwert der Anwendung nicht restlos überzeugt sind.»

© dpa
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