Ermittler schalten Netzwerk von Cyber-Kriminellen aus

18.01.2022 Cyberkriminalität boomt. Die Zahl der Attacken nimmt immer mehr zu - Online-Erpressung ist ein gutes Geschäft für Verbrecher. Ermittler aus zehn Ländern haben jetzt ein kriminelles Netzwerk ausgeschaltet.

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius gab ein Statement zu dem Einsatz ab. Foto: Moritz Frankenberg/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Europäische Ermittler haben ein Netzwerk von Cyberkriminellen unschädlich gemacht und damit Schäden in Millionenhöhe verhindert.

In zehn Ländern seien 15 Server ausgeschaltet worden, die die Anonymität von Kriminellen im Internet gesichert hätten, teilte die europäische Polizeibehörde Europol in Den Haag mit. Ausgangspunkt der zweijährigen Ermittlungen war ein Cyberangriff auf die Stadtverwaltung von Neustadt am Rübenberge von 2019 - nach Angaben der federführenden Polizeidirektion Hannover. Weltweit seien verschiedene Behörden beteiligt gewesen.

Laut Europol nutzten Kriminelle die Infrastruktur des Dienstes VPNLab.net für schwere Cyber-Verbrechen. VPN («virtual private network» oder «virtuelles privates Netzwerk») bietet Nutzern die Möglichkeit, anonym miteinander zu kommunizieren - ohne dass Außenstehende Einblick haben. Kriminelle nutzen den Service auch für den abgesicherten Zugang zum Internet.

Die Aktion war bereits am Montag. Beteiligt waren neben der Polizeidirektion Hannover und der Staatsanwaltschaft Verden unter anderem Europol und die europäische Justizbehörde Eurojust, die Kontakt zu Ermittlern etwa aus den Niederlanden, Kanada, der Tschechischen Republik, Frankreich, Ungarn, Lettland und der Ukraine herstellte. Außerdem waren das FBI in den USA sowie Ermittler in Großbritannien beteiligt.

Gemeinsames Vorgehen

Zu den bekannten Opfern von Cyberkriminalität zählte 2019 die Stadtverwaltung von Neustadt am Rübenberge in der Region Hannover, wo Elterngeldanträge, Baupläne und vieles mehr verschlüsselt wurden. Die Verwaltung der rund 45 000 Einwohner zählenden Stadt konnte einzelne Dienstleistungen bis ins erste Quartal 2020 daher nicht anbieten. Neben Kommunen sind auch Unternehmen betroffen. Das Ziel der Kriminellen: Gegen Lösegeld werden die Daten wieder freigegeben.

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius sagte, der sogenannte «Takedown» des Netzwerks zeige, «dass wir als Sicherheitsbehörden dazu in der Lage sind, schwerkriminellen Cyber-Netzwerken das Handwerk zu legen». Der SPD-Politiker betonte: «Das schärfste Schwert gegen international agierende Verbrecher ist ein gemeinsames und eng abgestimmtes Vorgehen.» Es habe erste Festnahmen gegeben, sagte er: «Ob wir die Kriminellen alle im Einzelfall kriegen, ist eine andere Sache.» Nach Angaben des Präsidenten der Polizeidirektion Hannover, Volker Kluwe, sind im Netzwerk gespeicherte Daten erfasst und werden nun ausgewertet. Während der zweijährigen Ermittlungszeit seien rund 100 Cyberangriffe verhindert worden.

Niedersachsens Justizministerin Barbara Havliza erklärte, Cyberangriffe seien eine reale Bedrohung - «für uns alle». Die CDU-Politikerin sagte: «Ist die Schadsoftware erstmal im System, sind die Folgen oft katastrophal. Die Lösegeldforderungen gehen in die Millionen, der Verlust sensibler Daten kann einen riesigen Schaden verursachen.»

VPNLab.net bestand nach Angaben von Europol seit 2008. Der Dienst war «besonders populär bei Cyber-Kriminellen», wie Europol mitteilte. Der Grund: er bot auch eine doppelte VPN mit Servern in mehreren Ländern an. Damit hätten die Dienste genutzt werden können, um Verbrechen zu begehen - ohne Angst, von den Behörden entdeckt zu werden. Laut Polizeidirektion Hannover werden VPN-Dienste von vielen Anbietern weltweit angeboten und auch für legale Zwecke genutzt, um sich vor Nachverfolgung zu schützen.

Schäden in Millionenhöhe

Der Provider war bei der Aufklärung verschiedener Fälle ins Visier der Ermittler geraten. Europol schätzt, dass schwere Cyber-Attacken verhindert werden konnten. Bei der über die Server verschickte Schadsoftware handele es sich um «Ryuk» - eine Software, die von kriminellen Vereinigungen genutzt werde, um Behörden, Firmen und Einrichtungen zu attackieren und Lösegeld zu erpressen, teilte die Polizei mit. Bei Angriffen mit dieser Schadsoftware verursachten die Täter immer wieder Schäden in Millionenhöhe.

Bei «Ryuk» handelt es sich laut Polizei um sogenannte «Ransomware» («ransom» bedeutet Lösegeld, «ware» ist die Abkürzung für Software). Gelangt das Programm auf einen Computer oder ein Netzwerk, verschlüsselt es Fotos, Videos, Dokumente oder ganze Datenbanken. Auf dem Endgerät wird eine Text-Datei mit einer Lösegeldforderung hinterlassen. Systemkopien werden demnach ebenfalls verschlüsselt oder gelöscht. Die Schadsoftware zu entfernen oder das System auf einen Zeitpunkt vor dem Angriff zurückzusetzen, führt dazu, dass auch bei einer Zahlung die Dateien nicht entschlüsselt werden können.

Dringt die Software in ein Netzwerk ein, kann sie nach Polizeiangaben ausgeschaltete Rechner per WLAN-Verbindung einschalten, um sie zu infizieren. Der Angriff erfolge meist per Phishing-Mail - eine E-Mail mit einem Link oder einer Datei im Anhang. «Ryuk» werde auch als Service angeboten - eine kriminelle Gruppe biete es einer anderen an und werde prozentual an der erpressten Beute beteiligt.

Pistorius, Mitglied im Kontrollgremium von Europol, forderte erneut den Ausbau der Kompetenzen und Mittel der Behörde: «Täter agieren längst höchst dynamisch und grenzüberschreitend. Die Antwort kann nur eine starke europäische Behörde im Netzwerk der europäischen Sicherheitsbehörden sein.»

© dpa-infocom GmbH

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